Gleichberechtigung und evangelikale Kirche

Frauen dürfen in vielen evangelikalen Kirchen nicht predigen oder lehren. Das war nicht immer so. Und viele beginnen sich auf die Wurzeln der evangelikalen Bewegung und ihre ursprünglich egalitären Motive zurückzubesinnen.

Gleichberechtigung und evangelikale Kirche
Photo by Denis Oliveira / Unsplash

Thorsten Dietz ist Professor für Theologie und Autor.
 Er hat Ende Juni 2021 auf RefLab zum Thema Frauenordination einen aufschlussreichen Beitrag geschrieben.

RefLab ist eine Blog-Webseite der Reformierten Kirche des Kantons Zürich.

Dort berichtet Dietz in seinem Beitrag „Die Evangelikalen und die Frauen“ über eine aussergewöhnliche Ordination von drei Frauen zu Pastorinnen. Ein Ereignis, das Anfang des Jahres 2021 unter amerikanischen Evangelikalen für Aufsehen sorgte.

Dieses Ereignis war deswegen aussergewöhnlich, weil es in der Saddleback Church (Kalifornien) stattfand, einer Kirche, die zur Southern Baptist Convention (SBC) gehört, einem Kirchenverband, der sich ausdrücklich gegen Frauenordinationen bekennt.

Dazu kommt, dass der Pastor der Saddleback Church Rick Warren, ein weltbekannter Buchautor, eine Gemeinde mit 22.000 Mitglieder leitet. Dieser Mann hat Einfluss, allein sein Hauptwerk „The Purpose Driven Life“ wurde in 137 Sprachen übersetzt und über 30 Millionen Mal verkauft.

Kein Wunder also gab es da viel Aufsehen.


Die Southern Baptist Convention bekennt sich

Das Bekenntnis des Gemeindeverbandes spricht sich klar und deutlich gegen die Ordination von Frauen aus und damit dürfen im SBC Frauen nicht Verbi Dei Ministra, Dienerin des Wortes Gottes werden.

Screenshot of the SBC-Webpage / The Baptist Faith and Message (20210830)
„While both men and women are gifted for service in the church, the office of pastor is limited to men as qualified by Scripture“
– The Baptist Faith and Massage, VI. The Church

Auch in ihren FAQ nimmt die SBC klar Stellung zum Thema und verneint, ihren Verbandsstatuten gemäß, ebenfalls die Möglichkeit, dass Frauen Pastorinnen werden können.

Auch wenn die Geltung dieser Statuten offengelassen wird, weil diese nicht zwingend verbindlich seien und jede Gemeinde im Verband frei sei, sich danach zu richten oder nicht.

Screenshot of the SBC-Webpage / FAQ (20210830)

In einer späteren Stellungnahme hat das Executiv Komitee der SBC betont: Frauen seien wertvolle Mitglieder der Gemeinde, ja unersetzbare Dienerinnen Gottes und natürlich seien Männer und Frauen auch gleichwertig. Aber...

„However, because Scripture speaks specifically to the role of pastor, churches are under a moral imperative to be guided by that teaching, rather than the shifting opinions of human cultures.“
Southern Baptist Convention Executive Committee, Reprint

Die Kirchen stehen demnach unter einem „moralischen Imperativ“, sich an eine Kultur unabhängigen und zeitlosen Lehre von Predigern zu halten, die Frauen seit jeher davon ausschliessen.

Steht denn die Lehre der Kirche nicht unter der menschlichen Perfektibilität und kulturellen Grenzen ihrer Zeit? Und wird hier nicht menschliche Lehre mit göttlicher Offenbarung verwechselt?


Im folgenden Text fasse ich Thorsten Dietz’ Beitrag punktuell zusammen, paraphrasiere ihn und denke über die Themen nach, die er in seinem Beitrag anschneidet.

Ich empfehle Thorsten Dietz’ Beiträge wärmstens, besonders all denjenigen, die mehr über die aktuellen Krisen der evangelikalen Bewegung erfahren wollen.

Die Evangelikalen und die Frauen | RefLab
Mit diesem Beitrag setzt Thorsten Dietz seine Blogserie über die evangelikale Bewegung und das Phänomen der «Postevangelikalen» fort. Die inneren Spannungen im Evangelikalismus zeigen sich kaum irgendwo so deutlich wie in der theologischen Deutung des Verhältnisses von Frauen und Männern. Im Umgang …

Frauenfrage = Bekenntnisfrage?

Eigentlich ist es ja erstaunlich, dass eine Frauenordination in einer Freikirche so viel Aufsehen erregt, denn kirchengeschichtlich gesehen, waren es die Freikirchen, die in diesem Thema schon früh progressiver waren als die orthodox reformierten (im 17./18. Jhd.) und die später liberal reformierten (19./20. Jhd.) Kirchen.

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760), der Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, einer in Deutschland einflussreichen Freikirche, ordinierte zu seinen Lebzeiten auch Frauen zu Priesterinnen, Presbyterinnen und Diakoninnen.

Eine weitere prominente Freikirche, die Heilsarmee (The Salvation Army), hat schon seit ihrer Gründung im 19. Jhd. Frauen gleichen Status und Recht wie Männern zugesprochen und Frauen ordiniert. Es gäbe noch einige Beispiele von Freikirchen zu nennen besonders im 20. Jhd. und darunter gehört auch die SBC. (Vgl. Wiki; mehr zur Geschichte der Frauenordination in der SBC, siehe hier.)

D. h., gerade Freikirchen hatten in der Kirchengeschichte schon vergleichsweise früh offizielle Pastorinnen und Predigerinnen.

Dietz beschreibt, wie die „Frauenfrage“ ab den 1980er-Jahren in der SBC zum Thema entstehender Bekenntnisse wurde. In dieser Zeit wurden besonders strenge, die ‚Irrtumslosigkeit‘ der Bibel proklamierende Stimmen innerhalb der evangelikalen Bekenntnisbewegungen in den USA dominant und übernahmen die Führung verschiedener Kirchenverbände, so auch der SBC.

„Die neue Führung setze durch, dass eine Frau weder Lehre noch Leitung ausüben könne und ausschließlich solche Dienste übernehmen dürfe, in denen sie nicht erwachsenen Männern vorstehe. Auch in der Familie wurde die gehorsame Unterordnung unter männliche Leitung zur bekenntnishaft fixierten Bestimmung der Frau.“

– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

Bemerkenswert finde ich, dass es davor durchaus Predigerinnen und Professorinnen in der SBC gab (mehr siehe hier).

Diese Bekenntnisse der heutigen SBC entstanden als Widerstand gegen einen feministischen Aufwind des Zeitgeistes und als Verteidigung des Patriarchats gegen den vermeintlichen Zerfall des klassischen Familienbildes in der Kirche.

Komplementarität der Geschlechter – kurzgefasst

Als Gegenbewegung zu diesem feministischen Zeitgeist entstand so eine evangelikale Lehre von der Komplementarität der Geschlechter, die besagt, dass Frauen und Männer zwar gleichwertig seien, aber nicht gleichartig. Und darum falle Frauen nicht dieselben geistlichen Aufgaben und Verantwortungen zu wie den Männern, wie auch umgekehrt Männern nicht dieselben Verantwortungen und Aufgaben zufallen würden. Das Ganze sei auch nicht willkürlich durch die Kirche bestimmt, sondern in der Ordnung der Schöpfung wie sie in der Bibel beschrieben sei, objektiv gegeben. Und für manche Theologen spiegelt auch die Natur diese biblische Schöpfungsordnung wieder. Das heisst, weil Gott Mann und Frau unterschiedlich schuf, haben sie sich auch in unterschiedlicher Weise in der Welt zu fügen. Männer sollen und müssen predigen und der Familie vorstehen, Frauen Kinder gebären, aufziehen und die Familie zusammenhalten. Damit zementiert diese Lehre der Komplementarität ein kleinbürgerliches Familienmodell und überträgt dieses auf die Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche.

Zeitgeist

Dietz stellt zwei Autorinnen vor, die einen evangelikalen Hintergrund haben, mit ihren Publikationen das Dogma der Komplementarität der Geschlechter hinterfragen und damit unter den Evangelikalen in den USA ebenfalls für Aufsehen gesorgt haben:

Beth Allison Barr

The Making of Biblical Womanhood
<b>Klappentext</b><br/><P> A trusted historian shows that “biblical womanhood” isn’t biblical but arose from a series of clearly definable historical moments, and presents a better way forward for the contemporary church.</P>

Kristin Kobes du Metz

Jesus and John Wayne
<b>Autorentext</b><br/><P> <strong>Kristin Kobes Du Mez</strong> is a professor of history at Calvin University and the author of <em>A New Gospel for Women</em>. She has written for the <em>Washington Post</em>, <em>Christianity Today</em>, <em>Christian Century</em>, and <em>Religion & Politics</e…

Drei Thesen aus diesen Büchern, die Thorsten Dietz näher erläutert:

1. Politisierung des christlichen Glaubens mit der Bibel

Das Selbstbild des Widerstandskämpfers gegen den Zeitgeist, das viele Evangelikale haben, wird Du Mez zufolge brüchig.
Sie zeigt in ihrem Buch auf, dass evangelikale Widerstandsbewegungen gerade nicht gegen den Zeitgeist geführt wurden, das Gegenteil ist der Fall. Evangelikale haben sich tatsächlich auf zahlreiche Zeitgeistströmungen der letzten Jahrzehnte eingelassen:
Politisierung, Maskulinismus, Militarismus, Purity Culture.
Aber gerade das Selbstbild vieler Evangelikaler auch hierzulande ist, dass man sich politisch gegen die bösen Zeitgeister wendet und wenden muss; gegen Abtreibung, gegen Corona-Massnahmen, gegen Ehe für alle, gegen Christenverfolgung.
Die Welt ist Böse und muss von der Kirche mithilfe der Regierung als politischem Mittel reguliert werden.

2. Eine moderne Idee wird zur biblischen Mehrheitsmeinung

Die Idee, dass Mann und Frau gleiche Würde haben, aber wesensverschieden seien, ist eine moderne Idee. Historisch gesehen, hat diese Idee ihre Wurzeln nicht in der Bibel, sondern in der viktorianischen Zeit.

„Im Komplementarismus bekämpft man das 20. Jahrhundert mit Waffen des 19. Jahrhunderts.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

3. Kulturblind die Bibel auslegen

In der Bibel gibt es eine solche Sicht der Komplementarität gar nicht. Es gibt Texte, die Frauen eindeutig Männern unterordnen (Gen 3,16; Esther 1; 1Kor 11,7-9; 14,33-36; 1Tim 2,11-15) und es gibt Texte, wo Frauen eindeutig mit Männern auf Augenhöhe stehen (Gen 1,27; Joel 3,1ff.; 1Kor 11,10-12; Gal 3,28). In der Bibel finden sich also viele patriarchale Bestimmungen und einige egalitäre, die Komplementarität von ‚gleichwertig, aber andersartig‘ findet sich in der Bibel so jedoch nicht.

„Der theologische Komplementarismus erwächst nicht einfach aus der Bibel. Er ist eng verbunden mit zeitgeistigen Entwicklungen des amerikanischen Nachkriegskonservatismus und einer zunehmenden autoritären Politisierung vieler Evangelikaler.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

Das Bekenntnis zur Komplementarität der Geschlechter ist vielmehr ein Kompromiss, der einer patriarchalen Ordnungsbestimmung der Geschlechter „ein menschliches Antlitz“ geben will. Oder ein politisch korrektes Antlitz.
Nun, so Dietz, verschleiert das allerdings die Härte patriarchaler Texte und wird auch der Egalität einiger Bibeltexte nicht gerecht.
Die Texte der Bibel werden so zur Projektionsfläche für zeitgeistliche Überzeugungen. Es zeigt sich, dass man nicht wirklich dem Wortlaut folgt, auch wenn man kulturelle Bedingungen und Hintergründe ausblendet. Es treten stattdessen im Kleid einer zeitlosen und buchstäblichen Auslegung die eigenen kulturellen Bedingungen an die Stelle der biblischen.
Nicht selten führt der Versuch, der Bibel eine einheitliche Lehre abzugewinnen, zu einer Sichtweise, die in der Bibel so gar nicht vorkommt.

„Für viele wird mehr und mehr sichtbar, dass die vermeintlich Bibeltreuen nicht der Bibel gefolgt sind, sondern einem vergangenen Zeitgeist anhingen. Und dass sie dies jeder Kritik entziehen wollen durch die Berufung auf die absolute Autorität der Bibel. Die dogmatischen Bekenntnisse funktionierten Jahrzehnte lang als Grundlage einer durchgreifenden Cancel Culture. Aber dieses Ausschlussverfahren funktioniert nicht mehr.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

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Fazit

Die evangelikale Bewegung befindet sich im Umbruch. Immer mehr Christen wollen nicht mehr akzeptieren, dass mit der Bibel patriarchale Strukturen und Sichtweisen gerechtfertigt werden, gerade weil ihnen die Bibel lieb ist.

Es zeigt sich, dass international die konservativen Evangelikalen nicht mehr die Mehrheitsmeinung bilden.

Selbst in der SBC sind 65% der Mitglieder nicht der Meinung, dass Frauen vom Predigtdienst und Pastoralamt ausgeschlossen werden sollten (Siehe die Studie von Ryan P. Burge).

Diese Phänomene zeigen deutlich, dass sich ein Umbruch innerhalb der evangelikalen Bewegung vollzieht. Früher dienten Bekenntnisse wie die Komplementarität der Geschlechter als „Lackmustests“, ob man wirklich dazugehört. Und meist entschied die eigene Zustimmung zum Bekenntnis der Kirche erst darüber, ob man in der Kirche mitarbeiten durfte oder aus der ehrenamtlichen Mitarbeit ausgeschlossen wurde.

Thorsten Dietz erfasst mit dem Wegfall von solchen Zugehörigkeitskriterien, weitere Symptome einer Krise der Evangelikalen in vier Verlustphänomenen:

1. Verlust von Eindeutigkeit

Dietz attestiert, dass Evangelikale durchaus eine Vielfalt unterschiedlicher theologischer Meinungen (Adiaphora – theologische Themen, die sich einer Zuordnung zwischen gut oder böse entziehen) haben und aushalten. Das galt allerdings unter der Voraussetzung, dass man sich zur Irrtumslosigkeit der Bibel bekannte. Durch diese ‚eindeutige‘ Autorität der Bibel galt es als Widerspruch zur Bibel, wann man über Themen wie Evolution, Gleichberechtigung von Frau und Mann oder Homosexualität nicht mehr den Stab brach.

Aber gerade in diese genannten Fragen kommen immer mehr Menschen mit gleicher „Liebe“ und Glauben an den Inhalt und die Botschaft der Bibel zu anderen Schlussfolgerungen.

Als die SBC die Komplementarität der Geschlechter in ihrem Bekenntnis fixierte, dachten die Theologen, die das taten, nicht dass sie ihre Bibelauslegung, sondern die biblische Wahrheit verteidigen würden.

„Wenn man sich bei einer solchen Maßnahme getäuscht hätte – wie soll man dann überhaupt noch Zuversicht behalten im Blick auf die Klarheit und Eindeutigkeit biblischer Lehren?“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

2. Wachstum

Lange verstanden Evangelikale das Wachstum und den Erfolg der evangelikalen Bewegung als Kennzeichen dafür, dass sie der wahren Auslegung der Bibel folgten. Liberale Kirchen schrumpften und konservative wuchsen. Das ist aber nicht mehr selbstverständlich – die SBC hat in den letzten Jahren 2 Millionen Mitglieder verloren. Der Triumphbogen der eigenen Bibelauslegung und Verkündigung bekommt Risse.

3. Debattenkultur

Es wird immer deutlicher, dass bibeltreue Christen nicht der Bibel gefolgt sind, sondern einer ganz bestimmten Auslegung der Bibel, die von Menschen in einer ganz bestimmten Zeit – als vom Zeitgeist beeinflusst – vertreten wurde und wird.

Man hat versucht, die eigene Auslegung der Bibel der Kritik zu entziehen, indem man sich auf die Autorität der absolute Irrtumslosigkeit der Bibel berufen hat.

„Die dogmatischen Bekenntnisse funktionierten Jahrzehnte lang als Grundlage einer durchgreifenden Cancel Culture. Aber dieses Ausschlussverfahren funktioniert nicht mehr.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

Es ist schwierig, offene Diskussionen und Debatten zu führen, wenn man gelernt hat, keine „Überzeugungen zu vertreten, sondern dogmatische Bekenntnisse durchzusetzen“.

4. Einheit

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass in der SBC die Mehrheit der Mitglieder die Position ihres Bekenntnisses nicht mehr teilt und für die Frauenordination einsteht.

Es ist eine Illusion, wenn man meint, man könne durch dogmatische Fixierungen und Bekenntnisse Einheit schaffen, ein solches Bemühen führt vielmehr zu immer mehr Streit und zu Uneinigkeit und Unversöhnlichkeit.

„Es steht uns weiter vor Augen, dass die Kirche heute wie zu allen Zeiten die Aufgabe hat, sich selbst in ihrer Menschlichkeit: ihre Lehre, ihre Ordnung, ihr Leben zu beugen und unterzuordnen unter ihre christliche und göttliche Norm, also Selbstkritik zu üben, sich zu reinigen von dem, was ihr, gemessen an ihrem Ursprung und eigentlichen Sein, fremd ist und unzuträglich sein muss, sich zurückzuwenden zu diesem ihrem Ursprung und eigentlichen Sein, sich neu an ihm zu orientieren, sich von ihm her reformieren, neu gestalten zu lassen. Aber gerade dazu müsste sie einen einheitlichen Willen und Weg haben. Hat sie ihn nicht, dann bedeutet jede Anstrengung in dieser Richtung notwendig eine Fortsetzung und Verschärfung des Streites zwischen den verschiedenen Kirchen. Und wer kann sagen, ob dieser Streit der beabsichtigten Reinigung und Reformation nun wirklich dienen wird?“
– Barth, Karl: Die Kirche und die Kirchen, 1935, in: Karl Barth-Gesamtausgabe. Vorträge und kleinere Arbeiten 1935–1937, Bd. 55, Zürich 2020, 214-232, 215.

Es ist eigentlich offensichtlich, – nach Barth – dass die Kirche ihre ‚Menschlichkeit‘, ihre Lehre, ihre Ordnung, ihr Leben vor der christlich-göttlichen Norm beugen muss. D. h. nach Barth, dass die Kirche Selbstkritik zu üben hat und sich reinigen muss von allem, was dem Ursprung und Sein der Kirche nicht entspricht. Stattdessen sollte sie sich an ihrem Ursprung und Sein orientieren und von ihm her neu gestalten und reformieren. Dazu wäre zentrale Einigung nötig. Hat sie keine Einheit, bemüht sie sich aber Einheit zu gewinnen, führt das notwendig zum Streit zwischen den vielen Kirchen. Aber Streit hat noch nie der Einigung gedient.

Das heisst auch, dass die Vielheit der Kirchen nicht die eigentliche Einheit der Kirche ist. Doch hat der Spruch Unity in Diversity etwas Wahres, nämlich, dass in der Vielheit, in der Unfähigkeit zur Einheit, im Scheitern und Eingestehen dieses Unvermögens, die Quelle der eigentlichen und wesentlichen Einheit der Kirche wieder neu gefunden werden kann.

Die Einheit der Kirche wird allein im Glauben Realität, weil sie nicht eine Einheit ist, die von Menschenhand aufgerichtet und erstrebt werden kann, sondern in Jesus Christus alleine schon besteht, weil er sie selbst aufgerichtet hat in seinem Blut.

„Die Frage nach der Einheit der Kirche muss identisch sein mit der Frage nach Jesus Christus als dem konkreten Haupt und Herrn der Kirche. Die Wohltat der Einheit ist nicht zu trennen von dem Wohltäter, in welchem sie ursprünglich und eigentlich wirklich ist, durch dessen Wort und Geist sie uns offenbar wird, im Glauben an den sie auch allein unter uns Realität sein kann. Nochmals: Jesus Christus als der eine Mittler zwischen Gott und Menschen [vgl. 1.Tim. 2,5] ist geradezu die kirchliche Einheit, jene Einheit, in der es wohl eine Vielheit der Gemeinden, der Gaben, der Personen in der Kirche gibt, durch die aber eine Vielheit von Kirchen ausgeschlossen ist.
Wir dürfen nicht die Idee – auch nicht eine noch so schöne und moralische Idee von Einheit, wir müssen ihn meinen, wenn wir es erkennen und aussprechen wollen, dass es im Auftrag der Kirche liegt, eine Kirche zu sein. Denn in ihm und nur in ihm bekommen und haben diejenigen kirchlichen Vielheiten ihr Leben, ihren Raum, ihre Würde, ihr Recht, ihre Verheißung, die das Alles in jener Abhängigkeit, Zugehörigkeit und Unterordnung bekommen und haben wollen“.
– Barth, Karl: Die Kirche und die Kirchen, 1935, in: Karl Barth-Gesamtausgabe. Vorträge und kleinere Arbeiten 1935–1937, Bd. 55, Zürich 2020, 214-232, 217f.

Die Stellungen zur Frauenordination sind innerhalb der evangelikalen Bewegung inzwischen so vielfältig wie weltweit zwischen den unterschiedlichen Kirchen der ökumenischen Bewegung.

Darum passen die Worte von Barth so gut, die eine Kritik an den Zielen und Bestrebungen der ökumenischen Bewegung waren und sind.

Und sie sind auch Mahnung heute, gegen unsere menschlichen Bemühungen, die über diesen Wohltäter hinausgehen, die menschliche Kriterien der Einheit, der Dazugehörigkeit und Frömmigkeit dogmatisch fixieren wollen. Solche Sicherheiten führen nicht näher zu Gott oder garantieren den Glauben an Jesus, sondern dienen einer Machtzementierung, dass nur diejenigen als Christusgläubige zählen und zur Einheit der Kirche gezählt würden, die moralische und dogmatische Bedingungen akzeptieren und erfüllen. Ob das nicht weit über das hinausgeht, was der Evangelist Johannes meinte, als er schrieb:

„Wie viele ihn [sc. den Sohn Gottes] aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.“
– Die Bibel, Johannes 1,12-13

All diese Krisen müssen also nicht unbedingt als Untergang gedeutet werden, sondern sind Chance, Chance neu den Blick freizubekommen für das Wesentliche des christlichen Glaubens.

Auch wenn in verschiedene Fragen Uneinigkeit herrscht, bedeutet das noch lange nicht, dass sich unser Glaube oder Unglaube an diesen Fragen offenbart.

Trotzdem halte ich es für begrüßenswert, dass die Mehrheit der evangelikalen Bewegung zunehmend die Rechte von Frauen auch in ihrer kirchlichen Praxis und Amtsverständnis akzeptieren will.

„Die Weltweite Evangelische Allianz hat zuletzt zu dieser Frage einen Aufsatzband vorgelegt, der ebenfalls für den gleichberechtigten Dienst von Frauen und Männern plädiert.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

Auch wenn in den sozialen Netzwerken der Eindruck entsteht, dass viele, hauptsächlich junge Evangelikale, zunehmend konservativer werden – wie Thorsten Dietz konstatiert –, sollte nicht vergessen werden, dass die sozialen Netzwerke kein objektiver Spiegel unserer Gesellschaft sind und je sein werden.

Thorstens Fazit lautet:

„Evangelikale werden gerade konservativer und progressiver gleichzeitig.“
– Thorsten Dietz, RefLab: Die Evangelikalen und die Frauen

Was das bedeutet, wird sich zeigen, aber dass es bewegte Zeiten sind, lässt sich nicht leugnen. Bewährungsproben kommen und gehen, der Glaube an Jesus ist bis heute geblieben und an diesen will ich mich halten – auch wenn die Kirchen sich streiten, darüber wer die Deutungshoheit dieses Glaubens besitzt. Wir glauben als Christen ja nicht, dass wir über Gott verfügen könnten, sondern glauben, dass nur Gott über die Wahrheiten des Glaubens verfügt.


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